Weltliteratur vom Oberrhein – Sebastian Brant und das „Narrenschiff“

Einer der größten Bestseller des ausgehenden Mittelalters stammte vom Oberrhein: „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant. In knapp gehaltenen Verskapiteln hielt das Buch einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befand, ihre Laster vor – und traf damit den Nerv der Zeit.

„Es lebt die Welt in finstrer Nacht und tut in Sünden blind verharren; alle Gassen und Straßen sind voll Narren“, heißt es in der Vorrede des Werkes, das Brant selbst als „heilsame Mahnung“ verstand. Zu den angeprangerten Lastern zählten Habsucht, Lüge und Eigennutz, Starrsinn, Ehebruch und Eitelkeit. Auch Wucherer, Trinker und Bildungsphilister, die ihre Weisheit nach der Größe der eigenen Bibliothek bemessen, nahm Brant aufs Korn.

Narrenschiff

Illustration aus dem „Narrenschiff“

An Fastnacht 1494 in Basel erschienen, verbreitete sich das Buch schnell über den deutschsprachigen Raum. Schon die Erstauflage war mit mehr als hundert hochwertigen Holzschnitten illustriert, was zum Erfolg nicht unerheblich beitrug. Binnen weniger Jahrzehnte erfuhr Brants mit Abstand bekanntestes Werk Dutzende Neuauflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt – bis heute ist das „Narrenschiff“ ein Stück Weltliteratur geblieben – eine aufschlussreiche Zeitdiagnose, die zuweilen sehr aktuell anmutet. Etwa dort, wo Brant den schon damals diagnostizierten Jugendwahn verspottet: „Die Narrheit lässt mich nicht sein greis; ich bin sehr alt, doch ganz unweis“, lässt der Autor einen seiner Narren bekennen.

Sebastian Brant, der durch sein Buch zum Erfolgsschriftsteller avancierte, wurde am 31. August 1457 als Sohn eines Gastwirts in der damaligen freien Reichsstadt Straßburg geboren. Da seine Eltern über bescheidenen Wohlstand verfügten, konnte er die Lateinschule und danach die noch junge Basler Universität besuchen. 1489 erhielt er den Doktorgrad der Rechtswissenschaft und wurde kurz danach zum Professor der Juristischen Fakultät in Basel ernannt. Parallel lehrte er Poesie und verfasste eigene literarische Arbeiten. 1485 hatte er die Bürgerstochter Elisabeth Bürgi geheiratet, die aus einer begüterten Basler Familie stammte; die beiden bekamen sieben Kinder.

Brant stand in regem Kontakt zu führenden Intellektuellen des Oberrheins – befreundet war er beispielsweise mit dem Freiburger Rechtsgelehrten Ulrich Zasius; auch zum Straßburger Münsterprediger Johann Geiler von Kaysersberg und zum Humanisten Jakob Wimpfeling pflegte Brant eine langjährige Freundschaft.

Sebastian Brant, gemalt von Albrecht Dürer

Sebastian Brant, gemalt von Albrecht Dürer

Im Jahr 1500 – durch das „Narrenschiff“ war er inzwischen weit über die Region hinaus bekannt – kehrte Brant mit seiner Frau in die Heimatstadt Straßburg zurück. Ein wesentlicher Grund dafür war Brants Befürchtung, Basel könne sich der schweizerischen Eidgenossenschaft anschließen und aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ausscheiden, was bald darauf auch geschah – für den konservativ und reichstreu eingestellten Brant ein Graus. Zudem winkte ihm in Straßburg das Amt eines Rechtskonsulenten beim Rat der Stadt. Brants Netzwerke halfen auch hier: sein Freund Johann Geiler von Kaysersberg, der in Straßburg über großen Einfluss verfügte, hatte Brant für die neue Aufgabe empfohlen.

Brant trat sein Amt 1501 an und stieg bald schon auf den einträglichen Posten des Stadtschreibers auf – er wurde dadurch zum Chef der städtischen Verwaltung. Bereits 1502 erhielt Brant den Titel eines kaiserlichen Rats, später gar den eines Pfalzgrafen. In der gesamten Region genoss Brant einen ausgezeichneten Ruf als Rechtsgelehrter und Experte für Verwaltungsfragen. „Das Narrenschiff“, dessen Autor den Oberrhein zeit seines Lebens nicht verließ, war inzwischen auf dem Siegeszug durch Europa.

In den letzten Jahren vor seinem Tod am 10. Mai 1521 erlebte Brant auch das Auftreten Martin Luthers und die Anfänge der Reformation. Er selbst bekannte sich zwar bis zuletzt zum alten Glauben; jedoch zeigte er sich den Reformatoren gegenüber tolerant, teilte wohl manche ihrer Ansichten. Denn die Missstände der Kirche hatte auch Brant scharf gegeißelt. Es gebe „jetzt viel junge Pfaffen, die so viel können wie die Affen“, ist beispielsweise im „Narrenschiff“ zu lesen.

Bis heute gilt Sebastian Brant als wichtiger Vertreter der frühen deutschsprachigen Literatur – und dies, obwohl er – wie damals noch üblich – einen Großteil seiner Werke in lateinischer Sprache verfasste. Unter den Literaten mit biografischen Wurzeln am Oberrhein steht Brant in einer Reihe mit Größen wie Gottfried von Straßburg, Johann Peter Hebel oder Hermann Hesse.

(Die Zitate im obigen Text stammen aus der behutsam modernisierten Version des „Narrenschiffs“, die über die Website gutenberg.spiegel.de öffentlich zugänglich ist.)

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